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Januar 2017/I: Ein Stück Kohle

An dieser Stelle gibt Martin Becker zukünftig in unregelmäßigen Abständen Einblicke in seine Arbeit - in Form von Kolumnen, kurzen Texten und Fotos.

Den Auftakt macht ein vermeintlich banales Exponat: Ein Stück Kohle. Im März erscheint im Luchterhand Literaturverlag Martin Beckers Roman "Marschmusik". Zu Recherchezwecken war er - mit Fieber, was er nicht oft genug betonen kann - bei laufendem Betrieb im Spätsommer 2016 auf der Bottroper Zeche "Prosper-Haniel" unter Tage. Und über einen Kilometer unter der Erde gab ihm ein Bergmann dieses damals noch warme Stück Kohle in die Hand.
Der ganze Stolz des Autors.
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Januar 2017/II: Kofferlose Liebe in Prag

Bald feiert die erfolgreiche Prager Lesebühne EKG den zehnten Geburtstag. Mein guter Freund Jaroslav Rudiš lädt dort monatlich gemeinsam mit Igor Malijevský Musikerinnen und Musiker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein. Das Thema wechselt, hat jedoch immer "Liebe" im Titel. "Liebe plus X". Mehrmals durfte ich bei der Lesebühne im Prager Theater Archa schon auftreten und mein schlechtes Tschechisch präsentieren, zum Geburtstag baten mich die Macher der Lesebühne jetzt um einen kleinen Text. Und ich habe eine Kurzgeschichte geschrieben, nach einer wahren Begebenheit. Hier ist sie.

Martin Becker
Die EKG-Therapie
Die Slowaken sagten mir natürlich gleich: Die Tschechen sind schuld. Die Tschechen wiederum meinten: Die Slowaken waren es. Mein Schuldgefühl hingegen, da kann man nichts machen, versicherte mir von der ersten Sekunde an: Die Deutschen haben das angerichtet. Wie immer. Und die Prager waren davon überzeugt, dass alle Schuld tragen würden, nur natürlich die Prager nicht.

Wir waren das nicht, sagte mir der tschechische Zugschaffner, als wir gerade im Prager Hauptbahnhof angekommen waren, tut mir leid. Was also sollte ich machen? Ich suchte wie ein Verrückter in allen Ecken und Nischen – nichts. Riss die Toilettentüren auf, sah im Speisewagen nach, sogar in der Ersten Klasse: wieder nichts. Und dann, plötzlich, schlossen sich die Türen des leeren Zugs, der im Prager Hauptbahnhof endete – und er setzte sich in Bewegung, fuhr in die Vorstadt, ins Nichts, in eine Welt ohne Koffer.

Acht Stunden früher war ich in Košice in den Zug gestiegen. Da war die Welt noch in Ordnung, na gut, ich war verkatert, aber das kannte ich ja schon. Ich hatte am Abend vorher eine Lesung in der Slowakei gehabt und würde am nächsten Tag im Divadlo Archa eine Geschichte vorlesen. EKG. Aus Liebe zu dem Deutschen. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich wie verrückt auf die acht Stunden im Zug freute – aber der Kater würde irgendwann weg sein, und das war nicht der einzige Verlust, doch davon wusste ich noch nichts.

Keine Ahnung, wie weit entfernt wir von Košice waren, jedenfalls ging ich nach kurzer Zeit in den Speisewagen und wartete auf die Hohe Tatra. Natürlich nahm ich mein Gepäck nicht mit, das hatte ich nie getan. Ich saß also dort im Speisewagen und trank Kaffee und aß Rührei und döste ein und trank noch mehr Kaffee und aß Gulaschsuppe mit Brot und döste ein und trank noch mehr Kaffee und aß ein österreichisches kleines Schnitzel mit tschechisch-slowakischen Kartoffeln und döste ein, und als ich das nächste Mal aus dem Fenster sah, passierten wir gerade den Bahnhof von Praha-Libeň. Also zahlte ich und bedankte mich überschwänglich bei der jungen Köchin und dem jungen Koch, ging in meinen Wagen, um den Koffer zu holen und frisch und unverkatert auszusteigen, als hätte es das slowakische Besäufnis am Vorabend nicht gegeben. Aber da war kein Koffer mehr. Nirgendwo. Ich konnte es nicht glauben. Ich fragte den Schaffner, der nur mit den Schultern zuckte. Mittlerweile standen wir im Prager Hauptbahnhof und ich fragte mich gleich, was der Dieb wohl jetzt gerade tat: Trug er das knallbunte Hemd, das ich mir gekauft hatte, weil ich am kommenden Wochenende in Prag zu einer Motto-Geburtstagsfeier zum Thema „Hawaii“ eingeladen war? Reinigte er sich mit meinen Ohrreinigungsstäbchen die Ohren? Putzte er sich mit meiner hartborstigen Zahnbürste die Zähne? Amüsierte er sich mit den Geschichten aus meinem Buch? Fand er die Zigarette in meiner Sportjacke, die ich mir zur Belohnung für den nächsten Joggingausflug vor etwa einem Jahr dort versteckt hatte? Was war das schon wieder für eine tschechisch-slowakisch-deutsche Verstrickung, in die ich vollkommen grundlos geraten war? Warum passierte so etwas immer wieder mir? Nein, falsche Frage, warum passierte so etwas immer wieder mir, wenn ich in Tschechien war?

Ich dachte zu viel, ich dachte zu lang, ich dachte zu kompliziert – denn anstatt mich zu beeilen, schlossen sich plötzlich die Türen, und der Zug fuhr ins Depot. Irgendwo vor Prag, irgendwo, wo noch nie ein deutscher Fahrgast vor mir gewesen war. Später dachte ich: So muss sich Neil Armstrong gefühlt haben, als er die amerikanische Flagge in den Mondboden steckte. Aber im Augenblick war ich nur panisch. Ich ging in den Speisewagen, wo man mich mit Erstaunen begrüßte, ungläubig, fassungslos. Koffer weg, sagte ich, und Koch und Köchin aus der Slowakei antworteten im Chor: Die Tschechen waren das bestimmt! Sie spendierten mir eine Cola, unser Zug passierte die vielen alten und kaputten Waggons auf den Abstellgleisen und kam irgendwann endgültig zum Stehen, ich durfte auf dem Getränkewagen mitfahren, auf dem sonst nur Köchin und Koch fahren dürfen, ich hockte zwischen den leeren Getränkekisten und war – seltsam fröhlich. Ich besaß in diesem Augenblick nur noch das, was ich am Leib trug – aber ich hatte eine Geschichte, die exotischer klang als das bunte Hemd, das mir mitsamt dem Koffer geklaut worden war.

Kurze Zeit später war es, ich hatte die Verzweiflung über den Verlust sämtlicher Dinge verdrängt und wusste noch nicht genau, was ich am nächsten Tag anziehen und wessen Zahnbürste ich benutzen würde, da bekam ich die einzig wahre EKG-Therapie. Zugeschnitten auf einen Deutschen, der blöd genug war, sich seinen Koffer auf dem Weg ins Divadlo Archa von einer deutsch-tschechisch-pragerisch-slowakischen Diebesbande klauen zu lassen. Bevor ich nämlich meine Geschichte vorlas, die von Liebe in Prag und deren Unmöglichkeit erzählte, wurde meinem Publikum die tragische Koffergeschichte erzählt. Und ein Hut ging herum, na gut, eigentlich war es eine Plastiktüte der Supermarktkette „Albert“. Nachdem die Sammlung für den deutschen Schriftsteller ohne Socken zum Wechseln beendet war, musste ich unter dem Jubel des Publikums auspacken. Und alle waren so gut zu mir gewesen. Ich fand in der Plastiktüte ein Kondom, ein T-Shirt, eine Fünfzig-Kronen-Münze, drei Wattestäbchen, ein Kondom, ein entwertetes Straßenbahnticket, ein nicht entwertetes Straßenbahnticket, einen Gutschein für ein Fastfood-Restaurant, ein Ticket des „Divadlo Archa“ zur EKG-Vorstellung, die gerade auf der Bühne stattfand, ein Kondom, einen Hundert-Kronen-Schein, eine Sonnenbrille, den Gedichtband eines Lyrikers aus der Prager Vorstadt, ein Kondom, eine Dollarnote und eine auf einen Zettel gekritzelte Handynummer, die ich leider niemals angerufen habe.

Mein Abend war gerettet, die EKG-Therapie hatte gewirkt: Hätte ich meinen Koffer nicht verloren, dann hätte ich mich niemals gefühlt wie Neil Armstrong, dann hätte ich niemals einen Lachanfall bekommen beim Auspacken der Tüte auf offener Bühne, dann wäre mein Herz niemals so warm geworden wie an jenem Abend, den ich nie mehr vergessen werde. Ich könnte noch von so vielen Abenden mit der EKG-Therapie im „Archa“ berichten, nicht alle haben mit einem Kofferklau zu tun, aber alle haben mir das Herz wärmer gemacht, haben mich glücklich gemacht, haben mir gezeigt, dass dieses EKG an diesem besonderen Ort in erster Linie tatsächlich mit Liebe zu tun hat – und zwar nicht nur zu kofferlosen Deutschen.
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